Conference "Räume der Herkunft", Wuerzburg, Germany, June 21-23, 2013

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Dr. Katrin Dennerlein, Institut fuer Deutsche Philologie, Universitaet Wuerzburg
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katrin.dennerlein@uni-wuerzburg.de, maximilian.benz@topoi.org

Call for Papers

Katrin Dennerlein/Maximilian Benz

Räume der Herkunft.
Fallstudien zu einer historischen Narratologie
Tagung vom 21.-23. Juni 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg

In vielen Erzähltexten der abendländischen Tradition spielt der Raum, aus dem der Held stammt, eine besondere Rolle. Schon Odysseus hat von Anfang an nur das Ziel, nach Ithaka zurückzukehren, das zu Beginn des Epos nahe scheint, dann aber wieder in weite Ferne rückt, bevor Odysseus schließlich nach dem Aufenthalt am Phaiakenhof dorthin zurückkehrt. In zahlreichen Erzähltexten, vom sogenannten griechischen Roman (z. B. Heliodors "Aithiopika") über den mittelalterlichen Liebes- und Abenteuerroman, das arthurische Erzählen, den galanten Roman und den höfisch-historischen Roman des Barock bis hin zu modernen Romanen und Epen (z. B. "Peer Gynt") ist der Raum, aus dem die Hauptfigur stammt, Ausgangs- und Endpunkt der 'histoire'. Das Muster von Auszug, (Abenteuer-)Reise und Rückkehr kann dabei verdoppelt (wie im Artusroman; vgl. aber Elisabeth Schmid, Weg mit dem Doppelweg. Wider eine Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung, in: Friedrich Wolfzettel/Peter Ihring [Hg.]: Erzählstrukturen der Artusliteratur. Forschungsgeschichte und neue Ansätze, Tübingen 1999, S. 69-85) oder vervielfacht werden (wie z. B. im "Don Quijote" oder in "Gulliver's Travels"). Der Raum der Herkunft kann aber auch ein bloßer Ausgangspunkt sein, den die Hauptfigur zurücklassen muss (um wie Aeneas seine eigentliche Heimat zu finden) oder will (wie in "Wilhelm Meisters Lehrjahre" oder in Emine Sevgi Özdamars "Die Brücke vom Goldenen Horn"). Gelegentlich wird der Raum der Herkunft als Raum der Heimkunft perspektiviert, in dem sich die Figur aber nicht mehr zurechtfindet (wie in Milan Kunderas "L'Ignorance"). Oder aber der Held kommt ohne sein Wissen dorthin zurück, wo er geboren wurde, und gerät so in schlimmste Verstrickungen (z. B. Oidipous im antiken Mythos oder Gregorius in der mittelalterlichen Legende).

Der Raum, aus dem die Hauptfigur stammt, ist jeweils auf vielfältige Weise mit der erzählten Geschichte verbunden, weil sich in ihm konkret-räumliche, figurenspezifische, handlungsstrukturelle und zeitliche Aspekte eines Textes kreuzen. Die konkret-räumlichen Gegebenheiten des Herkunftsraumes prägen erstens die Raumwahrnehmung der Hauptfigur und ihre Fähigkeiten sich zu bewegen. Es besteht zweitens eine enge Verbindung zwischen dem Raum und der sozialen Identität der Hauptfigur - sei es über die standesgemäße bzw. natürliche Umgebung für eine Figur, der sie qua Geburt zugeordnet ist, sei es über ihre genealogische Herkunft, oder über die Familien- und Gruppenstruktur, die sich aus der (kommunikativen) Anwesenheit anderer Figuren im Raum der Herkunft ergibt. Der Raum, aus dem der Held stammt, kann drittens auf unterschiedliche Weise mit der Handlung verknüpft sein (vgl. hierzu grundlegend Joseph Campbells "The Hero with a Thousand Faces" [erste Veröffentlichung 1949]; in Campbells Monographie wird in mythenvergleichender Hinsicht auf die Bedeutung des Wegs des Helden hingewiesen: Heimat spielt dabei in mehrfacher Hinsicht eine Rolle, etwa als Ort der wunderbaren Zeugung und der Geburt oder als Ort der außergewöhnlichen Kindheit). Der Raum der Herkunft kann z. B. (wiederholter) Ausgangs- und Endpunkt oder Ziel der Handlung sein. Diese Handlungsstrukturen können viertens in der erzählten Zeit chronologisch oder in Form von Achronien dargestellt sein. Der Raum der Herkunft ist aber auch mit der diegetischen Zeit verbunden, wenn z. B. Erinnerungen mit räumlichen Gegebenheiten verknüpft werden, die denen des Herkunftsraumes ähneln, oder wenn Räume der Herkunft zum Zweck der Erinnerung oder wiederholten Handelns aufgesucht werden (vgl. Lukas Werner, Zeit, in: Matías Martínez [Hg.]: Handbuch Erzählliteratur. Stuttgart/Weimar 2011, S. 150-158).
Schließlich ist zu ermitteln, mit welchen Bedeutungen auf wörtlicher und übertragener Ebene die Räume der Herkunft im je konkreten Fall aufgeladen werden und ob sich gattungs- respektive epochenspezifische Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Dieser Gesichtspunkt hat insofern synthetisierenden Charakter, als in ihm die konkret-räumlichen, figurenspezifischen, handlungsstrukturellen und zeitlichen Aspekte des Raums der Herkunft zusammenspielen und für die Deutung des Textes als ganzem interpretativ relevant werden können. Gerade die werthafte Bedeutungsbesetzung der Räume der Herkunft scheint uns von besonderer Bedeutung zu sein (vgl. Simone Winko, Wertungen und Wert in Texten. Axiologische Grundlagen und Literaturwissen¬schaftliches Rekonstruktionsverfahren, Vieweg 1991). Das Wertesystem im Raum der Herkunft ist für die Hauptfigur zumeist die Norm (z. B. in Wilhelm Raabes "Abu Telfan") und gestörte Normalität kann ein Grund für Konflikte (z. B. in Danilo Kis' "Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch") oder für den Fortgang des Helden sein (z. B. im arthurischen Erzählen). Fremdes wird vor dieser Folie erst kenntlich bzw. als Abweichendes benennbar (z. B. in Heinrichs von Neustadt "Apollonius von Tyrland"). Aber auch die Beurteilung der Hauptfigur durch die anderen Figuren ist durch werthafte Besetzungen ihrer Herkunft bestimmt, was z. B. in postkolonialen Texten recht deutlich wird (so in Joseph Conrads "Heart of Darkness", Chinua Achebes "Things Fall Apart" und J.M. Coetzees "Waiting for the Barbarians").

Trotz seiner Präsenz in der europäischen Literatur von der Antike bis heute und trotz seiner inhaltlich-strukturellen Wichtigkeit ist der Zusammenhang von Raum und Herkunft bislang nicht zum Gegenstand einer breiter vergleichenden, narratologisch interessierten Arbeit geworden. Deshalb wollen wir die Frage stellen, wie die Räume der Herkunft als konkrete Räume der erzählten Welt unterschiedlich dargestellt und mit normativen Aspekten verknüpft werden und welche Funktion sie dadurch für die Erzählung der Geschichte der Hauptfigur bekommen. Dabei sollen Erzähltexte der europäischen Literatur von der Antike bis heute zum Gegenstand werden, in denen der Raum der Herkunft ein wichtiger Teil der erzählten Welt ist, ohne jedoch Haupthandlungsschauplatz zu sein. Die Tagung soll sich mit diesem strukturell wichtigen Raum in Erzähltexten und nicht mit Heimatliteratur oder Heimatdichtung im engeren Sinn befassen, dabei aber selbstverständlich auch Erzählungen zum Gegenstand machen, in denen die Räume der Herkunft als Heimat apostrophiert und dadurch für die Handlung bedeutsam werden.
Als Ausgangpunkt der einzelnen Beiträge möchten wir das in jüngster Zeit innovierte erzähltheoretische Beschreibungsinstrumentarium für Räume vorschlagen (Ansgar Nünning, Formen und Funktionen literarischer Raumdarstellung: Grundlagen, Ansätze, narratologische Kategorien und neue Perspektiven, in: Wolfgang Hallet/Birgit Neumann [Hg.], Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn, Bielefeld 2009, S. 33-52; Marie-Laure Ryan, Space, in: P. Hühn/J. Pier/W. Schmid/J. Schönert [Hg.]: Handbook of Narratology, Berlin/New York 2009, S. 420-433; Katrin Dennerlein, Narratologie des Raumes, Berlin/New York 2009). Über die so erzeugte methodisch geleitete Beschreibung als Ausgangsbasis für weitere Interpretationen soll sowohl die Vergleichbarkeit als auch die Kommunikabilität der Einzelergebnisse ermöglicht werden. Es soll demnach gefragt werden,
- ob der Raum der Herkunft überhaupt zum Schauplatz oder nur zur Ereignisregion wird oder erwähnte räumliche Gegebenheit bleibt (zur Terminologie vgl. Dennerlein 2009).
- Ob Darstellungstechniken wie Wahrnehmung, Beschreibung (vgl. Werner Wolf, Description as a Transmedial Mode of Representation: General Features and Possibilities of Realization in Painting, Fiction and Music, in: W. Wolf/W. Bernhart [Hg.]: Description in Literature and Other Media, Amsterdam u.a. 2007, S. 1-89), Kommentar usw. zum Einsatz kommen.
- Ob in der Auswahl des Herkunftsraumes und seiner Gestaltung an Gattungstraditionen oder kanonische Texte angeschlossen wird.
- Welche Informationen zum Herkunftsraum explizit genannt werden, welche sich erschließen lassen und wie sich diese Schlussprozesse plausibilisieren lassen.
- Ob ein Leser vorausgesetzt wird, der aus dem gleichen Herkunftsraum stammt.

Bei der Beantwortung dieser Fragen können auch die figurenspezifischen, handlungsstrukturellen und zeitlichen Aspekte des Erzählens vom Raum der Herkunft einbezogen werden. Erst ausgehend von der narratologischen Beschreibung soll die Frage nach der Bedeutung der Räume der Herkunft, insbesondere der werthaften Besetzung gestellt werden. Hier könnten sich Überlegungen zu Raummodellen, zur semantischen Besetzung räumlicher Oppositionen (vgl. Jurij M. Lotman, Die Struktur literarischer Texte, München 1972) und zu phänomenologischen Untersuchungen von Räumen von Interesse sein (vgl. Molly Robinson Kelly, The Hero's Place. Medieval Literary Traditions of Space and Belonging, Washington 2009; sie interessiert sich im Anschluss an Heidegger, Bachelard und Eliade für die 'expressions of human-space' in der altfranzösischen Literatur und wählt deshalb Werke, in denen das Verhältnis zwischen Raum und Hauptfigur eine zentrale Rolle spielt).

Mit der genuin narratologischen Ausrichtung will die Tagung zugleich auch einen Beitrag zur Historischen Narratologie leisten, indem die Erklärungskraft narratologischer Termini und Modelle für historische Phänomene geprüft werden. Die Historisierung der Narratologie ist in letzter Zeit häufiger eingefordert (vgl. Ulrich Ernst, Die natürliche und die künstliche Ordnung des Erzählens. Grundzüge einer historischen Narratologie, in: Rüdiger Zymner [Hg.]: Erzählte Welt - Welt des Erzählens. Fs. für Dietrich Weber, Köln 2000, S. 179-199; Astrid Erll/Simone Roggendorf, Kulturgeschichtliche Narratologie. Die Historisierung und Kontextualisierung kultureller Narrative, in: Ansgar Nünning/Vera Nünning [Hg.]: Neuere Ansätze in der Erzähltheorie, Trier 2002, S. 73-113; Monika Fludernik, The Diachronization of Narratology, in: Narrative 11 [2003], S. 331-348) und auch bereits verschiedentlich unternommen worden. Daran ließe sich in Bezug auf die Räume der Herkunft etwa mit der Frage anschließen, ob und wie sich Terminologie und Beschreibungen zum Raum auch auf historisch weit entfernte und alteritäre Texte anwenden lassen.

Auf der Tagung werden sprechen:
Prof. Dr. Jörg Döring (Neuere deutsche Literaturwissenschaft, GH Siegen)
Prof. Dr. Jörg Dünne (Romanistik, Erfurt)
Dr. Michael C. Frank (Anglistik, Konstanz)
Prof. Dr. Therese Fuhrer (Klassische Philologie, FU Berlin)
Prof. Dr. Wolfgang Hallet (Anglistik, Gießen)
Dr. Christine Knoop (Komparatistik, FU Berlin)
Prof. Dr. William Layher (Nordistik, Washington)
Prof. Dr. Felix Mundt (Klassische Philologie, HU Berlin)
Erik Schilling (Neuere deutsche Literaturwissenschaft/Italianistik, LMU München)
Prof. Dr. Markus Stock (germanistische Mediävistik, Toronto)
Dr. Julia Weitbrecht (germanistische Mediävistik, HU Berlin)

Wenn Sie Interesse haben, an dieser Tagung teilzunehmen, senden Sie bitte bis 16. April 2012 ein aussagekräftiges, maximal einseitiges Exposé an maximilian.benz@topoi.org und katrin.dennerlein@uni-wuerzburg.de. Aus dem Exposé soll insbesondere hervorgehen, inwiefern Sie mit Ihrer Analyse einen Beitrag zur historischen Narratologie leisten möchten.
Bis Mitte Mai 2012 werden wir uns zurückmelden. Zur gezielten Vorbereitung wird im Sommer 2012 ein Reader mit ausgewählten Bezugstexten an die Tagungsteilnehmer versendet. Um eine intensive und zielführende Diskussion zu ermöglichen, sollen die Beiträge bis zum 22. April 2013 an die Veranstalter geschickt werden; sie werden dann an alle Teilnehmer der Tagung zur vorbereitenden Lektüre weitergeleitet. Während der Tagung selbst haben die Verfasser fünfzehn Minuten Zeit, ihre wichtigsten Beobachtungen und Thesen zusammenfassend vorzustellen. Die sich daran anschließenden Diskussionen werden protokolliert; das Protokoll wird den Verfassern zur Verfügung gestellt und dient als Grundlage für einen Bericht, der die Diskussionen und Ergebnisse der Tagung zügig der Fachöffentlichkeit zugänglich macht. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

Dr. Katrin Dennerlein
Julius Maximilians Universität Würzburg
Lehrstuhl für Computerphilologie und Neuere deutsche Literaturgeschichte
97079 Würzburg
katrin.dennerlein@uni-wuerzburg.de

Maximilian Benz
Humboldt-Universität zu Berlin
EXC 264 Topoi
Hannoversche Str. 6
10099 Berlin
maximilian.benz@topoi.org

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